Alphonse Allais
Die Kutsche als Liebesnest und andere Frivolitäten


ACTDATE
1. Auflage von 2019,
144 S.
ISBN-10: 3-95655-984-3
ISBN-13: 978-3-95655-984-6
€ 11,80
lieferbar seit: 25.03.2019

Inhalt


Apotheker wie sein Vater ist er nicht geworden, der 1854 in Honfleur am Ärmelkanal geborene Schriftsteller Alphonse Allais, dafür aber ein gewitzter Journalist, Kabarettist und Verfasser zahlreicher spritziger Kurzgeschichten. In Deutschland kaum bekannt, gehört er in Frankreich zum bleibenden Bestand der Humoristen, auf deren Texte immer gern zurückgegriffen wird. Allais’ großes Thema war die Liebe. In ereignisreicher Zeit aufgewachsen, die vom Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, der Kommune und späteren revanchistischen Bestrebungen der Politik geprägt war, verspottete er gern die Militärs, besonders den Kriegsminister Boulanger. Vorwiegend aber widmete er sich dem Milieu, in dem er seit seiner Übersiedlung nach Paris zu Hause war: der Bohème von Quartier Latin und Montmartre. Leichte Mädchen, geizige Schankwirte, gehörnte Ehemänner, trinkfeste Künstler, aber auch vertrocknete Beamte, heruntergekommene Adlige, wunderliche Seeleute und Zöllner sind die Helden seiner griffig geschriebenen pointierten Texte. Wenn der Maler in etwa sein Modell in Stimmung bringt, der sparsame Schwager den Leichnam des Kohlenhändlers zum Fotografen schleppt, eine sexverrückte Gräfin den Musikus am liebsten mitsamt seinen Geräten ins Bett holen will, verspürt man selber den Kitzel und die Freude, die dieser arglistig-freundliche Franzose beim Ausdenken seiner Geschichten ganz bestimmt hatte.

 

 

Autor/en


Allais wurde am 20.10.1854 in der malerischen Hafenstadt Honfleur geboren, die an der Seinemündung gegenüber von Le Havre liegt. Er ist nicht der einzige bekannte Künstler, den dieser kleine Ort hervorbrachte. Unter anderem kamen hier der Maler Eugène Boudin, der Komponist Eric Satie, der Lyriker Henri de Regnier und der schriftstellernde Historiker Albert Sorel zur Welt. In Honfleur gibt es im Zentrum eine Art Torbogen, Place Alphonse Allais genannt, und etwas außerhalb eine Gasse mit seinem Namen. Hier lebte er als Kind, und von hier aus kann man durch Gebäude- und Mauerlücken einen Blick auf den Ärmelkanal, auf die Gewässer und Buchten werfen, die manchem seiner Texte eine so lockere maritime Note verleihen. Auch benachbarte Ort wie Trouville, Etretat, Le Tréport tauchen in den Erzählungen auf, vermitteln etwas von der Küsten- und Seefahrtsatmosphäre der Normandie. Sein Vater war Apotheker, und die Familie hätte es gern gesehen, wenn der Sohn in seine Fußstapfen getreten wäre. Doch obwohl Allais achtzehnjährig in Paris ein pharmazeutisches Studium aufnahm, zog es ihn weit mehr zur Literatur. Schon in Honfleur hatte er erste Schreibversuche unternommen, nun regte ihn das Studenten- und Bohèmemilieu seiner neuen Umgebung umso heftiger an, die Feder zu gebrauchen. Allerdings reichte das keineswegs aus, ihn zu ernähren, weshalb er nach seinem Militärdienst 1875/76 nebenbei als Apothekergehilfe arbeitete. Zwei Jahre später verzichtete er darauf, fällige Prüfungen abzulegen, und bekam von den Eltern die Quittung präsentiert – sie strichen ihm die bis dahin gewährte finanzielle Unterstützung. Auf diese Wechselfälle seines Lebens kommt der Autor in seinen Geschichten hin und wieder diskret spöttisch zu sprechen. Wenngleich Allais ein paar Theaterstücke und Romane geschrieben hat, galt seine Hauptneigung doch der kleinen Form, den Aphorismen, Anekdoten, Sketchen fürs Kabarett, dem Feuilleton und der Kurzgeschichte. Hier konnte er seinen Witz entfalten, kannte sich aus. Er arbeitete an verschiedenen Zeitungen mit, belieferte sie mit humorigen oder kritischen, pointierten Texten, die er nach Aussage von Bekannten oft an Kaffeehaustischen eine Stunde vor dem Abgabetermin zu Papier brachte. In Paris war er im Studentenviertel, dem Quartier Latin, zu Hause, spielte bald eine wichtige Rolle in den literarischen Kreisen jener Jahre, so in der Poetengruppe „Club des Hydropathes“, zu der unter anderen der Erfinder und Dichter Charles Cros gehörte. Vor allem aber war er Mitbegründer des berühmt gewordenen Montmartre-Cabarets, „Le Chat Noir“/1881), trat dort mit eigenen Couplets auf und leitete für einige Jahre eine Zeitschrift gleichen Namens. Ab 1891 gab er regelmäßig Sammlungen seiner Prosatexte heraus, denen auch die Geschichten dieser Auswahl entnommen wurden. Die Themen sind äußerst vielfältig, es werden Tagesereignisse kritisch kommentiert, Auseinandersetzungen mit Persönlichkeiten der Zeit geführt, skurrile Nebensächlichkeiten ironisch ausgeschlachtet. Immer wieder aber erzählt Allais dabei fantasievoll und spaßig von der Liebe, von Kindheitserlebnissen, von Begebenheiten in Paris und anderswo, von Malern, Poeten, Abenteurern, von Soldaten, die ihre Vorgesetzten zum Narren halten, von verrückten Trunkenbolden, geizigen Wirten, von Hahnreis, gewitzten Dirnen, Lebenskünstlern. Die Titel der Bände sprechen für den Inhalt, sie heißen: „A se tordre“ („Zum Kringeln“; 1891), „Pas de bile!“ („Nur nicht ärgern!“; 1893), „Deux et deux font cinque“ („Zwei und zwei macht fünf“; 1895) usw. Rechnet man den Umfang der Erzählungen, Feuilletons, Sketche und Romane zusammen, die der Autor verfasste, kommt man ohne Schwierigkeiten auf mehrere tausend Seiten. Alphonse Allais wird von Zeitgenossen als ein fröhlicher Wikingertyp beschrieben: groß, blond, mit breiten Schultern, stets zu allerlei Scherzen aufgelegt. Oft hatte er aber auch Geldsorgen oder familiäre Probleme, gegen die er sich mit Ironie und humorigem Skeptizismus zur Wehr setzte. So wie mancher Satiriker vor oder nach ihm. Aufgewachsen in der Zeit des Zweiten Kaiserreiches, das mit der Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg 1870 endete und die Pariser Kommune im Gefolge hatte, teilte der Autor Hiebe nach allen Seiten aus, wandte sich jedoch besonders gegen Intoleranz, Chauvinismus und militärische Revanchelust. Ein bevorzugter und oft von ihm attackierter Gegner war der nationalistische General und zeitweilige Kriegsminister Boulanger, der in der Politik jener Jahre in Frankreich eine wichtige, alles andere als progressive Rolle spielte. Allais war von starkem künstlerischen Erfindergeist: André Breton bescheinigt ihm eine ungewöhnliche „poetische Vorstellungskraft“. Jules Renard, ein noch heute bekannter Erzähler und Zeitgenosse des Humoristen, hielt ihn für einen „großen Schriftsteller, der in jedem Augenblick etwas zu schöpfen“ vermochte. Als Zeugnis dafür können neben den Erzählungen auch die damals im Schwange befindlichen „Gipfelsprüche“ dienen, die vielfach von Allais stammten: „Der Gipfel der Vorsicht: Auf den Händen laufen, aus Furcht, einen Dachziegel auf den Kopf zu bekommen.“ – „Der Gipfel des Zynismus: Nachts einen Krämer umbringen und ein Schild an die Ladentür hängen ‚Wegen Todesfalls geschlossen.’“ – „Der Gipfel der Höflichkeit: Sich auf den Hintern setzen und ihn dafür um Verzeihung bitten.“ Öffentliche Ehrungen wurden dem Autor für solcherlei Schöpfungen allerdings nicht zuteil. Als Jules Renard 1902 bei der Frau des damaligen Ministerpräsidenten Waldeck-Rousseau vorsprach, um eine literarische Auszeichnung für ihn zu erwirken, erhielt er eine Abfuhr. Die Dame fand das von Allais Geschriebene „stupide“. Auch hier teilte er das Schicksal so manchen Satirikers neuerer Zeit, der seine Popularität nicht gerade der Anerkennung durch die Obrigkeit verdankt. In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde das Gesamtwerk Allais’ in Paris in einer repräsentativen Ausgabe neu herausgebracht, Auswahlbände vor allem seiner kurzen Geschichten werden in Frankreich immer wieder veröffentlicht. Auch wenn manches von den journalistischen Arbeiten überlebt erscheint, für den deutschsprachigen Raum, in dem er bisher so gut wie unbekannt blieb, ist der Autor eine Bereicherung. Er selbst bemühte sich übrigens keineswegs um seinen Ruhm. Sascha Guitry, damals noch unbekannt, aber später ein beliebter Stückeschreiber, lernte den Humoristen während dessen letzter Lebensphase in Tamaris, Nähe Toulon, kennen und schildert ihn so: „Ich habe niemals einen Mann von solcher Bescheidenheit gesehen. Er publizierte hundert Geschichten im Jahr und spielte niemals darauf an … Man kopierte seine Erzählungen, man stahl seine verblüffendsten, seine persönlichsten Erfindungen, er dachte nicht daran, sich zu beklagen.“ Alphonse Allais starb am 28.10.1905 in Paris infolge einer Venenembolie, wenige Tage nach seinem einundfünfzigsten Geburtstag. Wer sein relativ kurzes Leben betrachtet, gewinnt den Eindruck, dass er sich wacker geschlagen hat. Noch heute beschert er vielen Lesern in Frankreich und anderswo Stunden der Erheiterung.

Rezension/en


Zu diesem Buch liegt leider noch keine Rezension vor.